Tambour-Gefreiter d.R. Ludwig Schäfer

* 21.10.1891
+ 12.10.1914

gefallen in der 3.Kompagnie des
1.Ober-Elsäßischen Infanterie-Regiments Nr.167
während des Feldzugs in Südpolen
beim Sturm auf Holendry


 
Im Jahre 1911 trat auch Ludwig Schäfer seinen Wehrdienst an. Wie etliche Naunheimer vor und nach ihm, so rückte auch er in das 3.Unter-Elsäßische Infanterie-Regiment Nr.138 nach Dieuze in Lothringen ein. Seinerzeit waren mit Sicherheit - zumindest zeitweise im Jahre 1912 - auch Ludwig Bill II. (+ 24.8.15), Heinrich Maxeiner (+ 1.10.14) und Johann Karl Neeb (+ 25.9.14) dort stationiert. Sie alle gehörten dem I.Bataillon an, daß sich damals ausschließlich aus Männern des Großherzogtums Hessen und bei Rhein sowie den angrenzenden Teilen der preußischen Rheinprovinz rekrutierte. Hierzu gehörten u.a. auch die Kreise Wetzlar und Biedenkopf.

Das Regiment wurde 1897 im Zuge der damaligen Heeresvermehrung neu aufgestellt. Hierzu mußten schon bestehende Einheiten geschlossene Kompagnien abgeben. So wurde das I.Bataillon damals wie folgt zusammengestellt:

1.Kp wird bisherige 2.Kp des InfReg 116 (Gießen)
2.Kp wird bisherige 4.Kp des InfReg 118 (Worms)
3.Kp wird bisherige 3.Kp des InfReg 117 (Darmstadt)
4.Kp wird bisherige LeibKp des LeibGardeReg 115 (Darmstadt)

Es handelte sich also um ausschließlich großherzoglich hessische Truppen. Die anderen Bataillone bekamen ihre "Erstkompagnien" überwiegend aus Schlesien und dem Elsaß. Erster Kommandeur wurde Oberst v.Arndt, ein Enkel des bekannten Dichters.

Ludwig Schäfer kann nicht einer der Schlechtesten gewesen sein, denn schon während seiner zweijährigen Dienstzeit wurde er Tambour-Gefreiter, erkenntlich an den "Schwalbennestern" auf den Schultern und dem Knopf am Kragen.
Das trotz der "trostlosen Lage" in Lothringen, nur wenige Kilometer von der Grenze nach Frankreich entfernt, eine gute Stimmung und ein kameradschaftliches Verhältnis zwischen Offizieren und Mannschaften herrschte, das bezeugt ein Bericht des späteren Generals v.Schaumann, der in der Regimentsgeschichte nachzulesen ist. Er schreibt anläßlich seiner damaligen Versetzung nach Dieuze u.a.:

"Es war bekannt, daß ein frisch-fröhlicher, echt kriegerischer Geist, ein rücksichtsloser Schneid, ein vorzügliches Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, eine heiße Vaterlandsliebe, großes Verantwortungsgefühl und hohe Pflichttreue die Infanterie-Regimenter 138 und 97 sowie die 3.bayerischen Chevaulegers, die hier lagen, beseelten."

Ein großes Erlebnis für die jungen Männer war sicherlich im Jahre 1912 die 25jährige Gründungsfeier des Regiments, zu dem auch u.a. Prinz Joachim, ein Sohn des Kaisers Wilhelm II., der Kommandierende General des XXI.Armeekorps General der Infanterie v.Fabeck sowie viele andere Ehrengäste erschienen waren. Neben einer großen Parade fanden Sportveranstaltungen und Theateraufführungen statt. Auch ein Ausflug nach Straßburg im Elsaß fand statt, und schließlich klang das Fest mit einem großen Tanzabend aus. Inwieweit die "Naunheimer Truppe" hier siegreich war, ist nicht überliefert!


 
Die General v.Manteuffel-Kaserne - "Heimat" der 138er in Dieuze

 
Das Regiment gehörte seinerzeit zum XXI.Armeekorps, dem damals jüngsten des deutschen Heeres. Es trug als einziges der alten Armee grüne Schulterklappen, was auf dem nachfolgenden, noch in Friedenszeiten erstellten Bild, sehr gut zu sehen ist.

 
Ludwig Schäfer als Tambour in der
Uniform des Infanterie-Regiments Nr.138

 
Im Jahre 1913 endete seine gesetztliche Dienstzeit, doch nur wenige Monate des Friedens waren ihm als Reservist vergönnt. Dieuze und die 138er sollte er allerdings nicht wiedersehen.

Als am 2.August 1914 der Krieg ausbrach, da rückte auch Ludwig Schäfer gemäß seiner damals gültigen Mobilmachungsbestimmung in's Feld aus. Sein Ziel war nun Kassel, und dort das 1.Ober-Elsäßische Infanterie-Regiment Nr.167. Viele Naunheimer Reservisten zogen mit ihm in die gleiche Einheit, u.a. Heinrich Bernhardt (+ 15.10.14), Ludwig Bill II. (+ 24.8.15), Ludwig Bill XIII. (+ 30.6.16), Friedrich Karl Jenes (+ 5.3.15), Heinrich Ludwig Wagner (+ 31.10.14) und Ludwig Wagner (+ 5.3.15).
Über diese Tage schreibt die Regimentsgeschichte:

"Die Mobilmachung verlief beim Regiment reibungslos. In ausgezeichneter Stimmung treffen Reservisten und Wehrleute, welche die Kompagnien auf Kriegsstärke bringen sollen, ein."

Am 8.August schließlich verlassen die Transportzüge Kassel in Richtung Westen. Über Marburg - Gießen - Wetzlar - Troisdorf - Köln - Euskirchen - Gerolstein geht die Fahrt zunächst nach Bleialf in der Eifel. Als die Züge in Köln den Rhein überqueren, stimmte man überall begeistert die "Wacht am Rhein" an.
Schließlich wird am 13.August der Vormarsch nach Belgien hinein angetreten. Nach einigen Scharmützeln mit belgischen Freischärlern kommt auf einmal der Befehl, auf Namur abzudrehen.

Über diese Festung schreibt das Reichsarchiv:

"Ebenso wie Lüttich war auch Namur zu einer neuzeitlichen Gürtelfestung ausgebaut, deren Forts durch Ausbau und Kampfstärke eine hohe Widerstandskraft besaßen."

Am 22.August begann das Feuer der deutschen schweren Artillerie. Die 167er im Rahmen ihrer 22.Division lagen südlich der Maas, die Hauptkräfte der Angriffsgruppe nördlich. Einen Tag später begann das Vorrücken der Infanterie. Zwei Forts der Belgier ergaben sich schon am Nordflügel, bald erreichten die Truppen die ersten Zwischenstellungen, und am Abend hatten einige Regimenter sogar schon den Stadtrand besetzt. So waren auch die Regimenter der 22.Division vorgestürmt und hatten noch in später Stunde das Fort Maizeret genommen. Schließlich stand alles am 24. morgens zum Sturm bereit.
Wieder lag der Schwerpunkt im Norden, und ein Fort nach dem anderen streckte die Waffen. Einige wenige hielten sich noch bis zum nächsten Tag, doch endlich war am 25.August ganz Namur von deutschen Truppen besetzt - fast 7000 Belgier und Franzosen  waren gefangen genommen worden.
So war es auch den Hessen, vergönnt, siegreich in die Stadt und Festung Namur einzurücken.


 
Die Zitadelle von Namur

 
Doch damit war die Zeit an der Westfront schon fast vorbei. Am 1.September bereits wurde verladen, und der Bahntransport an die Ostfront begann. Über Köln - Wetzlar - Gießen - Kassel - Berlin - Schneidemühle - Bromberg und Thorn ging die Fahrt nach Biesellen. Hier wurde am 4. früh morgens bei schauderhaftem Wetter ausgeladen und nach kurzem Marsch Ortsunterkunft bezogen.

General v.Hindenburg hatte bei Tannenberg einen großen Sieg über die Russen erfochten. Aber noch war ganz Ostpreußen nicht befreit. Eine zweite Schlacht - später "Schlacht an den Masurischen Seen" genannt - stand bevor. Hierzu hatte die deutsche Führung Truppen der Westfront als Verstärkung vorgesehen. Daß diese später in der Marneschlacht fehlen könnten, hatte man nicht bedacht.

Am 5.September begann dann der Vormarsch über Allenstein hinaus nach Osten, aber außer einigen russischen Kavalleriepatrouillen war zuerst kein Feind zu sehen.
Dann aber häufen sich die Gefechte mit zurückweichender feindlicher Infanterie. Die nächsten Tage sind geprägt von einem ständigen Wechsel - marschieren und kämpfen. An die Truppe werden hohe Anforderungen gestellt. Erschütternd ist für die Männer immer wieder der Zustand der ostpreußischen Dörfer, die nach und nach befreit werden. Die Russen haben teilweise fürchterlich gehaust...

Am 9. kommt es zu einem sehr ernsten Gefecht bei Korklack. Eine Batterie der Artillerie fährt zu dicht auf, dadurch soll die Stellung vorgeschoben werden. Die Russen fürchten einen Angriff und eröffnen ein wildes Feuer. Es treten die ersten größeren Verluste ein, doch die Männer haben Glück: in der Nacht räumt der Russe seine Stellung, und sofort wird die Verfolgung aufgenommen. Auch am 11. finden wieder schwere Kämpfe mit den Nachhuten des Feindes statt. In der Nähe der Kleinbahn Muldstehlen-Insterburg fallen aus dem Nachbarort Waldgirmes die Kameraden Wilhelm Will und August Stamm.

Immer erschöpfter wird die Truppe, und auch der Wettergott kennt keine Gnade - durchweg Regen. Die Männer kommen aus ihren nassen Sachen nicht mehr heraus, Krankheitsfälle mehren sich. Am 14. wird kurz hinter Eydtkuhnen die russische Grenze überschritten. Vom Feind ist kaum noch etwas zu sehen, er hat sich doch mit größeren Truppenteilen noch absetzen können. Dann, am 16., läßt General v.Hindenburg den Vormarsch stoppen, die Schlacht an den Masurischen Seen war beendet! Über 40 000 gefangene Russen, über 150 erbeutete Geschütze waren der Erfolg. Und nicht zuletzt: Ostpreußen war vom Feinde frei.

Am 15. haben die Truppen in Eydtkuhnen ein Ruhetag, doch schon am 16. beginnt der Rückmarsch, der am 20. in Wehlau endet. Jetzt endlich bekommen die Männer die wohlverdiente Ruhe. Auch die Ausrüstung kann gereinigt und ergänzt werden. Aber auch diese Ruhezeit dauert nicht lange, denn schon am 22. beginnt das Verladen auf dem Bahnhof. Neue Aufgaben warten - aber wo?

Nach doch recht kurzer Fahrt werden die Truppen schließlich in Krakau ausgeladen. Es gilt, den stark bedrohten Bundesbrüdern aus Österreich-Ungarn zu helfen. General v.Hindenburg und sein Stabschef Ludendorf haben den Feldzug in Südpolen geplant - und die 167er sollen dabei mitwirken.

Der Vormarsch beginnt in nördliche Richtung. Schlimm sind die Quartiere! Die Regimentsgeschichte schreibt immer wieder von "Ungeziefer" und "fürchterlichen Zuständen". Weiter heißt es:

"Das mitgeführte Insektenpulver tut seine Schuldigkeit. Wie schön dünkten jedem die Zustände daheim."

Anfang Oktober haben die Truppen den ersten Feindkontakt, aber noch handelt es sich um leichte Gefechte. Am 4.Oktober jedoch wird der Widerstand der Russen bei Opatow stärker.


 
Der lange Marsch der 167er von
Krakau im Süden nach Holendry
an der Weichsel (Pfeil)

 
Der Feind hatte sich auf den Höhen des Ortes eingegraben, ein nicht gerade leichter Angriff für die 167er. Auf dem linken Flügel geht auch die 3.Kompagnie mit Ludwig Schäfer vor. In mehreren Wellen wird angegriffen, erste Verluste treten ein. Doch als die Männer bis auf 500 m an die Stellung der Russen herangekommen sind, bemerken sie, wie diese kehrt machen und flüchten. Rasch geht es vorwärts, das Dorf wird besetzt und abgesucht. Fast 500 Gefangene kann das Regiment an diesem Tag melden, ein großer Erfolg.
Doch schon nach wenigen Stunden wird gesammelt und der Vormarsch fortgesetzt. Schließlich ist man am 8. nur noch wenige Kilometer von der Weichsel entfernt.

Aber die anstrengenden Märsche und Kämpfe hinterlassen ihre Spuren. Erschöpfung macht sich breit, und weiter mehren sich die Ausfälle durch Krankheit. Vor allem die Ruhr macht den Männern zu schaffen. Der desolate Zustand der Wege läßt auch die Fahrzeuge nicht in der üblichen Schnelligkeit folgen. Oftmals kommen die "Gulaschkanonen" zu spät oder gar nicht. Auch hat es in einzelnen Fällen schon Mangel an Munition gegeben. Und dennoch, der Drang nach vorwärts ist weiterhin ungebrochen. Allein der Name des Armee-Oberbefehlshabers "Hindenburg" hat schon in diesem frühen Stadium des Krieges einen anspornenden Klang. Auch rechnen viele damit, daß es an der Weichsel einige Tage Ruhe geben wird. 

Da erhält das I.Bataillon plötzlich am 9. Oktober einen Sonderauftrag. Während die anderen Kompagnien eine Vorpostenstellung einnehmen, wird dieses Bataillon zu einer rasch bei Sienno zusammengestellten Armee-Reserve beordert. Nach einem Marsch von 32 km wird der Ort erreicht. Nach wenigen Stunden Schlaf geht es weiter, bedrängten deutschen Truppen muß Hilfe gebracht werden. Und wieder öffnet der Himmel seine Schleusen weit. In der Regimentsgeschichte lesen wir:

"Der Himmel kennt kein Erbarmen. Wie gestern schüttet er seine Wassermassen unaufhörlich auf die brave Truppe, der die nassen Kleiden von den wunden Körpern faulen. Am späten Nachmittag (des 11.) fallen die Kompagnien todmüde in die Häuser von Zwolen - endliche Ruhe!"

Aber noch in der Dunkelheit des frühen Morgens wird alarmiert. Von Nordosten dröhnt Kanonendonner über die Kiefernwälder - der Russe ist zum Gegenangriff angetreten! Die vor den Männern liegende 72.Infanterie-Brigade kann sich kaum noch halten. Über verschlammte Wege geht es im Eilmarsch weiter, und am frühen Nachmittag terten die Truppen in's Gefecht. Przevor wird gestürmt, und auch bei Wymyslow kann sich der Feind nicht halten. Doch da schlägt den 167ern, beim Verlassen des Dorfes, aus dem Nachbarort Holendry Feuer in die rechte Flanke. Sofort gehen die Truppen in Deckung und ihre Führer ordnen alles für einen Angriff. Die 3.Kompagnie mit Ludwig Schäfer wird nach Cudow gezogen, sie soll den Angriff flankierend unterstützen. Auch einige Kanonen fahren auf und schießen Teile von Holendry in Brand.


 
Das brennende Holendry während der Kämpfe

 
Doch die organisatorischen Maßnahmen brauchen ihre Zeit, und so beginnt der Sturm erst nach Einbruch der Dunkelheit. Trotz aller Tapferkeit gelingt es nicht, die Russen aus ihren Stellungen zu werfen. Verzweifelt bemüht sich die 3.Kompagnie, den schwer ringenden Kameraden Luft zu verschaffen - vergebens. Als der Kommandeur die Situation überschaut, bricht er den Angriff ab. Der Sturm hat das Bataillon 3 Tote und 22 zum Teil schwerst Verwundete gekostet, von denen einige später noch sterben. Einer davon ist August Schmidt aus Waldgirmes, er erliegt seinen Wunden am 18. in einem Lazarett.

Auch Ludwig Schäfer gehört zu den Schwerstverwundeten. Die Sanitäter und der Bataillonsarzt können ihn nicht retten, er stirbt noch am 12. auf dem Schlachtfeld. 

Über diesen Angriff schreibt die Regimentsgeschichte:

"Der Versuch, in der Dunkelheit Holendry durch einen Angriff zu nehmen, wird in Flankenfeuer, Regen und Morast erstickt!"

Die Gefallenen werden am nächsten Tag an Ort und Stelle bestattet. Mit Sicherheit haben viele seiner Naunheimer Kameraden, die in der 3.Kompagnie waren, ihm das letzte Geleit gegeben. Einen Nachweis über den Verbleib der Grabstätte ist nicht bekannt. Sie kann noch heute dort vorhanden sein.


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