Moltke - der kranke Mann

Als im August 1914 die deutschen Heere durch Belgien und Nordfrankreich vorstießen, da stand an ihrer Spitze ein Mann, der wie Benedek, der unglückliche Führer Österreichs 1866 bei Königgrätz, wider seinen Willen, ohne sich selbst die nötige Fähigkeit und Kraft zuzutrauen, als oberster Leiter der Operationen berufen worden war.

Moltke erschauderte vor der Größe seiner Aufgabe. Die verantwortliche Ausführung war doch etwas anderes als die Planspiele in Friedenszeiten. Auch machte ihm seine Gesundheit zu schaffen, mit 66 Jahren war er trotz mehrerer Kuraufenthalte von schwerem Leiden geschwächt.  Dazu kam, daß es nicht seine eigenen Gedanken waren, die er umsetzen sollte. Der Aufmarschplan stammte von seinem Vorgänger, dem Grafen v.Schlieffen, der 1913 verstorben war. So stand er diesem Plan doch fremd gegenüber und erschrak vor der Kühnheit dieses Entwurfs. Schlieffen wollte die volle Wucht des Angriffs auf den rechten, den Nordflügel der deutschen Armeen legen, durch Belgien gegen Paris marschieren, und so die starken französischen Grenzfestungen in der Linie Verdun-Belfort umgehen. Das hatte zur Folge, daß sowohl Elsaß-Lothringen, aber auch die Ostfront mit einem Minimum an Truppen geschützt werden mußten. Schlieffen war klar, daß der Preis für einen starken rechten Flügel sogar ein vorübergehender Verlust von deutschem Boden sein konnte. Moltke war weniger kühn, er schwächte den Angriffsflügel und stärkte die Verteidigung. Und dennoch, es standen letztlich nur zwei Armeen in den Reichsländern, fünf sollten durch Belgien und Luxemburg vorgehen.

Als der Vormarsch der deutschen Divisionen, weit rechts nördlich ausholend, begann, da brachen die Franzosen über die Grenze in die Reichslande, das für sie zu befreiende Gebiet, ein. Vorwiegend süddeutsche Truppen traten ihnen dort entgegen, und in glücklich verlaufenden Gefechten konnte der Einfall aufgehalten werden. Da faßte Moltke den ersten großen Entschluß: Seine gesamte Reserve warf er in die Waagschale – und gab damit schon beim ersten großen Kampf das wichtigste Instrument der obersten Führung aus der Hand, nämlich das Zuteilen frischer Kräfte.
Schlieffen hatte die gnadenlose Folgerung aufgestellt, je tiefer die Franzosen nach Deutschland hineinkämen, desto sicherer würden diese Truppen bei der Entscheidungsschlacht vor Paris fehlen. Aber Moltke warf alles in die Schlacht, was er hatte, Truppen in Stärke einer ganzen Armee. Aber es passierte an einer Stelle, wo die französischen Grenzbefestigungen eine rasche Entscheidung von vorn herein ausschlossen. Und so bewahrheitete sich leider das alte Soldatensprichwort: „Überall stark sein zu wollen ist der beste Weg zur Schwäche“!

Aber Moltke faßte noch einen zweiten Entschluß! Als die deutschen Heere nach Frankreich vorrückten, da kam die Schreckenskunde vom Russeneinfall in Ostpreußen – das Gespenst des Zweifrontenkrieges, es nahm nun Gestalt an. Aber auch daran hatte Schlieffen gedacht, Festungswerke und die starke Weichsellinie sollten hier Schutz gewährleisten. Aber Moltke wurde wieder unsicher, er glaubte nicht an von ihm übernommenen Operationsplan. So riß er vorstürmende Divisionen zurück und sandte sie nach dem Osten. Er holte sie aber nicht aus den Reserven, die er eben in Lothringen eingesetzt hatte, nein, vom Entscheidungsflügel wurden sie abgezogen. Denn innerlich schien er schon bei einem anderen Plan zu sein, einem eigenen diesmal. So sah er vor, daß die Truppen in Lothringen die französischen Festungen angreifen sollten, eine Aufgabe, die im Frieden als unendlich schwierig und langwierig bezeichnet worden war. Und so kam es, daß noch nicht einmal der Nebenzweck, starke französische Kräfte zu binden, erreicht wurde. Moltke konnte die große Aufgabe nicht meistern, Zweifel hatten ihn befallen, er versuchte allerlei und verdarb damit alles.

Doch noch marschierten die Armeen des rechten Flügels durch Nordfrankreich. Doch nachdem seine Ängste wegen Lothringen und Ostpreußen beruhigt und seine Reserven verausgabt waren, war auch seine Führertätigkeit erschöpft. Je weiter die Truppen vordrangen, desto spärlicher wurden seine Befehle. Als die Marne überschritten wurde, da schleiften die Zügel bereits am Boden. Daß Paris nun nicht mehr westlich umgangen werden konnte, das war in erster Linie seiner Untätigkeit zu verdanken, die Unklarheiten und leider auch Eigenmächtigkeiten der Unterführer erst ermöglichte, ja geradezu förderte. Nun wurde aus der Not heraus der Plan geboren, die rechte Heeresflanke zur Sicherung gegen Paris einzudrehen, um mit der Hauptmasse um Verdun herum nach Frankreich einzuschwenken und zu versuchen, den Gegner an die schweizer Grenze oder wenigstens an die Sperrfortkette zu werfen. Zwar hatte der Plan doch manches für sich, aber schon tauchte ein neues Schreckgespenst auf: Paris und die offene rechte Flanke im Norden. Schon trägt er sich deshalb mit Rückzugsgedanken und es bedarf eines strikten Verbots des kaisers, einen solchen Befehl ohne seine ausdrückliche Zustimmung zu erlassen.

Nun trat noch der unglaubliche Zustand ein, daß die Verbindung gänzlich versagte. Während vorne eine große Schlacht tobte, war das Hauptquartier immer noch weit zurück. Moltke sorgte sich, er ahnte wohl, daß die Entscheidung kurz bevor stand. Aber er tat nichts, er hörte nichts, er sorgte sich bloß. Und selbst der doch so naheliegende Gedanke, nur mit der Operationsabteilung nach vorne zu gehen, kam ihm nicht in den Sinn. 

Doch noch war die Kraft der Truppen vorhanden, die aus Paris hervorbrechenden Franzosen zurückzuschlagen. Völlig angeschnitten von der oberen Führung versuchten die Armeen, im Sinne des großen Ganzen zu handeln. Die Kämpfe wogten hin und her, dann neigte sich das Schlachtenglück langsam den Deutschen zu. 

Moltke fieberte förmlich nach Nachrichten, er fühlte wohl die große Stunde. Da beschloß er, wie zu Zeiten, als es noch keine Telefone oder Telegraphen gab, einen Verbindungsoffizier loszusenden. Moltkte selbst konnte oder wollte nicht fahren. Aber kein erfahrener General der OHL wurde dafür ausgesucht, sonder ein junger Generalstabsoffizier, Oberstleutnant Hentsch. Dessen Geschichte ist eine eigene! Das Ergebnis dieser Erkundungsfahrt ist furchtbar, im Durcheinander der Kompetenzen geht die rechte Flanke des deutschen Heeres zurück, die Sieger verlassen das Schlachtfeld.

So hat der kranke Feldherr einen schwankenden Charakter als seinen verlängerten Arm in das Schlachtengetriebe eingreifen lassen. Diese Reihe von Irrtümern und Unterlassungen, diese Häufung von Widrigkeiten und Zufällen, man kann sie nur noch als erschütternd bezeichnen. Dadurch wurde eine frühe Entscheidung zugunsten der Mittelmächte verhindert, und Moltke wußte dies noch nicht einmal. Das ist für das Schicksal dieses Mannes bezeichnend.


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