Friedensbedingungen, Kriegsschuldfrage und die Folgen

Im Jahre 1919 begannen die Siegermächte, Deutschland den Frieden zu diktieren. Es war dies der härteste, der je bis dahin einem modernen Staat auferlegt worden war. Hinter verschlossen Türen tagten mit dem amerikanischen Präsidenten die Ministerpräsidenten Clemenceau, Lloyd Georges und Orlando. Wilson wollte der Welt das Heil bringen, allein der Völkerbundsvertrag hatte für ihn Priorität. So erlag er der sarkastischen Schärfe des Franzosen und der geistigen Beweglichkeit des Engländers. Diese waren kühl rechnende Machtpolitiker und keine Träumer. Später wurde Wilson dann selbst im eigenen Lager kritisiert und kam zu Fall, als der amerikanische Kongress die Zustimmung zu seinem Friedenswerk verweigerte.  Sogar Robert Lansing, der lange Zeit zu seinen engsten Vertrauten und Ratgebern gehörte, trennte sich von ihm. 
Für das Deutsche Reich war die Basis der erhofften Verhandlung die 14-Punkte-Erklärung des amerikanischen Präsidenten Wilson gewesen. Ausdrücklich auf diese hatte man sich im Vorfeld berufen und die Waffen niedergelegt. Die Lansing-Note vom 5.November 1918 war ein Dokument, daß nur von einer Beschränkung der 14 Punkte sprach. Es ging dabei um die Freiheit der Meere und um eine schärfere Auslegung in Bezug auf die geforderte Widerherstellung der verwüsteten Gebiete in Frankreich und Belgien. Dies muß als ein nachträgliches Zugeständnis Wilsons an seine europäischen Bündnispartner gewertet werden. Von großer Bedeutung ist jedoch, daß ein  A u s s c h l u ß  Deutschlands von der Friedenskonferenz nicht zur Debatte stand, eine solche Vorgehensweise des Präsidenten hätte ja auch schon im Vorfeld aus einem V e r h a n d e l n  ein  D i k t i e r e n gemacht und somit eine völlig andere Situation geschaffen. So wie seine Verbündeten mußte Deutschland also der Konferenz in Paris fernbleiben. Dort stellten die alliierten Mächte nun unter sich die Friedensbedingungen auf und legten sie dann den deutschen Vertretern zur Unterschrift vor.
 
 
 
Reichs-Gesetzblatt Jahrgang 1919 Nr.140
Gesetz über den Friedensschluß zwischen Deutschland
und den alliierten und assoziierten Mächten
Auszug aus der Einleitung, hier in deutscher Sprache,
betreffend die teilnehmenden Staaten

 

Deutschland hatte zu diesem Zeitpunkt eine neue Verfassung und die Länder waren in einer großen Republik zusammengefaßt, wobei sie ebenfalls diese Staatsform angenommen hatten. Die ersten Wirren der Revolution waren verklungen. Aber dieses "neue Deutschland" hatte keine Machtmittel mehr und konnte die Unterschrift dadurch nicht verweigern. Es war den Verantwortlichen deutschen Politikern und Militärs aber auch klar, daß die Franzosen nur darauf warteten, in das Ruhrgebiet einzurücken oder mainaufwärts zu marschieren. So wurde am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal des Schlosses in Versailles der Frieden angeschlossen. Von einem so oft während des Weltkrieges von einigen deutschen Politikern gepriesenen "Verständigungsfrieden" war nichts zu spüren, es waren im Gegenteil alle Merkmale eines Gewaltfriedens vorhanden.
Es handelte sich bei diesem Friedens-"Vertrag" um keinen Vertrag im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern es war eine Auflistung von Schuld, Strafe und Sühne in 414 Artikeln, in denen dieser Krieg rückwirkend von den Siegermächten als eine ihnen aufgezwungene strafbare Handlung angesehen wurde. Dementsprechend waren auch die Sanktionen.

Deutschland mußte Elsaß-Lothringen, Eupen und Malmedy, Nordschleswig, Danzig, Memel und die Provinz Posen abtreten. Das Saarbecken wurde auf 15 Jahre den Franzosen überantwortet, wobei die durchsichtige Absicht, es dann mit Hilfe eines gut vorbereiteten Plebiszits dem eigenen Staatsverbund einzuverleiben, nicht zu verkennen war. Oberschlesien wurde einer Volksabstimmung unterworfen, wobei die Bestimmungen über die Abstimmung so gefaßt waren, daß die Polen mit einem großen und wertvollen Teil dieses wichtigen Industriegebiets rechnen konnten. Des weiteren verlor Deutschland alle seine Kolonien, auch die Kriegs- und Handelsflotte wurde ihm genommen. Das Heer wurde auf 100 000 Mann beschränkt, es gab nur noch Berufs- und Zeitsoldaten und daher auch keine Wehrpflicht mehr. Eine Luftflotte durfte nicht mehr unterhalten werden. 
Einen Sonderstatus bekam die Rheinprovinz. Als besetztes Gebiet sollte es 15 Jahre lang des Alliierten, insbesondere Frankreich, als "Pufferzone" dienen. Dabei hatten die Besetzer alle Möglichkeiten, ihren Einfluß geltend zu machen.
Außerdem wurden Deutschland große wirtschaftliche Auflagen gemacht und zur Wiederherstellung der verwüsteten Landstriche und zur Wiedergutmachung anderer Schäden sollte es eine solche Summe an Milliarden Goldmark zahlen, daß man die endgültige Größenordnung einer separaten später stattfindenden Konferenz überließ.
 
 
 

Reichs-Gesetzblatt Jahrgang 1919 Nr.140
Gesetz über den Friedensschluß zwischen Deutschland
und den alliierten und assoziierten Mächten
Artikel 233-235, hier in deutscher Sprache,
betreffend die finanziellen Wiedergutmachungen
Anmerkung: Man beachte u.a. in Artikel 233 
den dritten Absatz !

 

Österreich-Ungarn wurde zerschlagen. Im Frieden von St.Germain erhielt Italien die Brennergrenze und Triest zugesprochen. Serbien wurde mit den jugoslawischen Gebieten zu einem Staat vereinigt, der von der Adria bis nach Kärnten und zum Neusiedler See reichte. Rumänien bekam Siebenbürgen und das Banat, es behielt die Dobrudscha und Bessarabien. Böhmen wurde zur tschechoslowakischen Republik erhoben und Polen erbte letztendlich von allen Seiten. Es erstand in neuer Blüte, um für Frankreich nach dem Ausfall Rußlands nun als Waffengehilfe zu dienen. Von Ungarn blieb nur das Kernland übrig, Österreich wurde auf Wien, das oberhalb Wien gelegene Donautal und die Alpenländer nördlich des Brenners beschränkt. Deutschen und Deutsch-Österreichern wurde der Zusammenschluß verweigert. 
So war eine Großmacht durch seine Zerschlagung von der Landkarte verschwunden, die andere durch seine Auflagen de facto handlungsunfähig. Frankreich herrschte auf dem Kontinent, England blieb das weltpolitische Schwergewicht und die USA waren der Gläubiger der Welt geworden und hatten Forderungen von mehr als 50 Millionen Goldmark!
Im übrigen war von Rußland nicht mehr die Rede!
 

Das alles mußte natürlich vor der Welt gerechtfertigt werden. So schrieben die Sieger einen Paragraphen in die Friedensbedingungen, in welchem dem Deutschen Reich die S c h u l d an diesem Krieg auferlegt wurde und dieses aus dem neugegründeten Völkerbund ausschloß. Diese ungeheuerliche Bezichtigung war der Kernpunkt des ganzen Machwerks.
 
 
 

Reichs-Gesetzblatt Jahrgang 1919 Nr.140
Gesetz über den Friedensschluß zwischen Deutschland
und den alliierten und assoziierten Mächten
Artikel 231, hier in deutscher Sprache,
betreffend die Kriegsschuld Deutschland
Anmerkung: Man beachte u.a. die Worte Urheber und aufgezwungenen !

 

Dieser Artikel stempelte nun jeden Deutschen zu einem Urheber des Weltkrieges und machte ihn verantwortlich für den Tod von Millionen von Menschen. Alle Proteste nützten nun nichts mehr, das Deutsche Reich war gebranntmarkt. Es mußten erst Generationen von Historikern bemüht werden, um, und damit schließt sich der Kreis, die Ursachen des Krieges - teilweise erst aus den Archiven der beteiligten Staaten - an das Licht zu bringen. Und dennoch, Deutschland hatte nun erst einmal diesen Makel, der Sinn und Zweck des § 231 war dadurch erfüllt.
Es ist erstaunlich, daß dieser Makel teilweise bis in die heutigen Zeiten erhalten geblieben ist. Dabei wird allerdings oft der Fehler begangen, daß der erste  u n d  der zweite Weltkrieg in einem direkten Zusammenhang betrachtet und dadurch in einen Topf geworfen werden. Der zweite Weltkrieg hat ursächlich nichts mit dem ersten zu tun, er ist  k e i n  Revanchekrieg.
Wohl aber haben die Friedensbedingungen nach 1919 einen Boden genährt, auf dem, teilweise durchaus unter Vorspiegelung revanchistischer Gründe, ein Regime gedeihen konnte, dessen Weltvorstellungen sowie die politischen und militärischen Ziele nun gar nichts mehr mit denen der Zeit von 1914 zu tun hatten. Von einem völkischen Irrglauben geleitet und einem "Böhmischen Gefreiten" geführt, konnte das deutsche Volk, dem man die Ehre und das Ansehen in der Welt genommen hatte, unter diesen Bedingungen leicht verführt werden. Alles, was eine Berichtigung der Friedensbedingungen versprach, die wirtschaftliche Lebenssituation verbesserte und Ehre und Ansehen in der Welt wieder herstellte,  m u ß t e  dadurch zwangsläufig auf fruchtbaren Boden fallen.

Die Politiker, die 1919 in Versailles zusammen saßen, wären gut beraten gewesen, weitblickender zu handeln. Die Chance, einen dauerhaften Frieden zu zimmern, war durchaus gegeben. Aber das Denken der damaligen Zeit war eben noch nicht so weit und die Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, saßen natürlich bei allen Beteiligten tief. Der alles entscheidende Punkt ist aber wohl der gleiche, der schon zu Zeiten des Ausbruchs des Krieges eine Rolle spielte, nämlich das fehlende  V e r t r a u e n  auf allen Seiten. Leider hat es sich selbst noch 1989 beim Fall der Mauer gezeigt, daß diese Eigenschaft sogar bei den engsten Bündnispartnern heute noch in ganz bestimmten Situationen seine Grenzen hat.


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