ek Das Gedicht:
Die Trompete von Vionville
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von Ferdinand Freilingrath

 

freiling

Freilingrath war ein Dichter des 19.Jahrhunderts, dessen politische Lyrik ihm in seinem Leben gar manches Problem einbrachte. Ohne Zweifel haben viele seiner Werke für die damalige Zeit schon stark revolutionäre Züge. Dennoch konnte auch er sich der Beisterung des Jahres 1870 nicht entziehen. Sie brachte starke patriotische Einflüsse in seine späten Werke. Hierzu gehört auch dieses Gedicht.

Der Titel des Werkes und auch die militärische Zuordnung wird heute immer wieder aus reiner Unkenntnis der Sachlage falsch wiedergegeben. Da wird als Ortsangabe Gravelotte oder Mars la Tour genannt - alles falsch. Und auch die Zuordnung zu der großen Schlacht "Vionville - Mars la Tour" trifft es nicht, denn es handelt sich nur um eine Episode dieser Schlacht - allerdings um eine besonders blutige.

Hintergrund ist der Angriff der 12. Kavallerie-Brigade "Bredow", benannt nach ihrem Kommandeur Generalmajor von Bredow. Durchgeführt wurde die Attacke von sechs Schwadronen (ca. 800 Mann) der 7. Magdeburgischen Kürassiere (aus Halberstadt und Quedlingburg) und 16. Altmärkischen Ulanen (aus Salzwedelund Gardelegen). Die Bewaffnung war Säbel bzw. Lanze. Da sich gegen mittag des Schlachttages der linke Flügel der preußischen Infanterie nicht mehr verlängern ließ, drohte eine Überflügelung durch die Franzosen, die an dieser Stelle starke Artillerie bereit hielten und verdeckt auch eigene schwere Kavallerie. Dieser Angriff der preußischen Reiterei war sicher als todesmutig zu bezeichnen. Nach dem Sammeln bei Tronville vollzog sich der Angriff parallel zu der alten Römerstraße von West nach Ost, durchbrach die feindliche Infanterielinie und stieß dann noch in die Artilleriestellung vor, die sich wenige hundert Meter vom Dorf Vionville befand. Hier wurden die schon arg gelichteten Reihen von der feindlichen Kavallerie attackiert und mußten sich - jeder so gut wie er konnte - wieder zurückziehen. Dabei war es jedoch notwendig, die feindlichen Stellungen ein zweites Mal zu durchqueren. Als der Trompeter der Kürassiere August Binkebank zum Sammeln blasen wollte, da versagte sein Instrument, denn es war von mehreren Schüssen durchlöchert. Diese Trompete ist heute noch im Stadtmuseum von Halberstadt zu sehen.
Die Verluste waren sehr hoch: Kürassiere tot 7 Offiziere 189 Mann 209 Pferde, Ulanen tot 9 Offiziere 174 Mann 200 Pferde. Auch einer von Bismarcks Söhnen wurde verwundet. Allerdings hatte die Attacke ihren militärischen Zweck erfüllt: Die Franzosern wagten hier keine weiteren Umfassungsversuche mehr und die nun eintreffenden neuen Infanterie-Einheiten der Preußen konnten die Krise bereinigen. Zur Erinnerung an diesen "Todesritt" steht noch heute bei Vionville ein Denkmal!

Es sind sich die Gelehrten nicht einig: Einerseits wird behauptet, Freilingrath hat hier patriotische Lyrik in Vollendung geschaffen, weil er in schon verklärenden Worten das Geschehen würdigt. Andererseits hält man sein Werk für scharfe Kritik an dem militärischen Handeln, zumal er außerdem in geradezu rührenden Worten den sehr hohen Blutzoll beweint.

Es sollte - immer aus der Sicht der Zeit betrachtet, in der das Werk entstand - letztendlich jeder Leser selbst entscheiden.

 

trompete

Die Origonal-Trompete - ausgestellt im Stadtmuseum Halberstadt.

 

16. August 1870

 

 Sie haben Tod und Verderben gespien: 
Wir haben es nicht gelitten. 
Zwei Kolonnen Fußvolk, zwei Batterien, 
wir haben sie niedergeritten. 

Die Säbel geschwungen, die Zäume verhängt, 
tief die Lanzen und hoch die Fahnen, 
so haben wir sie zusammengesprengt, - 
Kürassiere wir und Ulanen. 

Doch ein Blutritt war es, ein Todesritt; 
wohl wichen sie unsern Hieben, 
doch von zwei Regimentern, was ritt und was stritt, 
unser zweiter Mann ist geblieben. 

Die Brust durchschossen, die Stirn zerklafft, 
so lagen sie bleich auf dem Rasen, 
in der Kraft, in der Jugend dahingerafft, - 
nun, Trompeter, zum Sammeln geblasen! 

Und er nahm die Trompet, und er hauchte hinein; 
da, - die mutig mit schmetterndem Grimme 
uns geführt in den herrlichen Kampf hinein, 
der Trompete versagte die Stimme. 

Nur ein klanglos Wimmern, ein Schrei voll Schmerz, 
entquoll dem metallenen Munde; 
eine Kugel hatte durchlöchert ihr Erz, - 
um die Toten klagte die Wunde! 

Um die Tapfern, die Treuen, die Wacht am Rhein, 
um die Brüder, die heut gefallen, - 
um sie alle, es ging uns durch Mark und Bein, 
erhub sie gebrochenes Lallen. 

Und nun kam die Nacht, und wir ritten hindann, 
rundum die Wachtfeuer lohten; 
die Rosse schnoben, der Regen rann -
 
und wir dachten der Toten, der Toten!

 

denkmal

Das Denkmal der Brigade "Bredow" bei Vionville.